Gedanken für den Tag „Sowieso und überhaupt“

Mo, 12.10.  |  6:57-7:00  |  Ö1
Heinz Janisch, Journalist und Autor, zum 90. Geburtstag von Christine Nöstlinger

„Wer es könnte/ die Welt hochwerfen/ dass der Wind hindurchfährt.“ Diese Gedichtzeilen von Hilde Domin begleiten mich seit Jahren durchs Leben.Eine schöne beruhigende Vorstellung – die Welt einmal so richtig durchzulüften, Frischluft durchziehen zu lassen, damit man wieder befreit durchatmen kann. Wer es könnte. Die ganze Welt, das wird nicht zu schaffen sein. Aber in einigen Bereichen, da ist es möglich, da kann man dafür sorgen, dass plötzlich eine frische Brise weht, dass man neugierig den Kopf hebt und merkt: Da passiert etwas.Wer es könnte. Christine Nöstlinger konnte es. Sie öffnete mit ihren Büchern Fenster und Türen, sie sorgte mit ihren Texten dafür, dass viel pädagogischer Mief und angesammelter Staub hochgewirbelt wurde und dass man plötzlich mit einem neuen Blick auf die Gefühlswelten von Kindern und Erwachsenen blickte.Als 1970 ihr erstes Buch erschien, „Die feuerrote Friederike“, da war ich zehn Jahre alt – und ich liebte das Buch. Christine Nöstlinger-Bücher – das spürte ich schon als Kind – klangen anders als die Bücher, die ich sonst kannte. Christine Nöstlinger hatte einen neuen Ton ins Kinderbuch gebracht. Alles klang rauer, direkter, das Süßliche war weg, das in anderen Geschichten spürbar war. Da ging es plötzlich nicht um eine Prinzessin und einen Prinzen im Märchenland, da ging es um Mädchen und Burschen aus dem Gemeindebau. Und diese Mädchen und Burschen durften auch schlecht gelaunt und grantig sein, sie durften Fehler machen. Und auch die Eltern waren alles andere als perfekt.Die Wirklichkeit, von der erzählt wurde hatte nichts Märchenhaftes – und dennoch war das Wunderbare möglich. Es wurden Freundschaften geschlossen, Vorurteile abgebaut, gemeinsam Erfindungen gemacht. Die Protagonisten in Nöstlinger-Büchern haben es oft nicht leicht, aber sie wissen sich zu wehren und lassen sich nicht kleinreden oder verbiegen. Und das Gute ist immer denkbar und lebbar, auch in schwierigen Verhältnissen. Wer es könnte/ die Welt hochwerfen/ dass der Wind hindurchfährt. Christine Nöstlinger konnte es.

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