Ö1 Essay Francis Fukuyamas Befund der Gegenwart

Fr, 25.09.  |  11:05-11:25  |  Ö1
„Der letzte Mensch. Wohin steuert die Welt? “ von Francis Fukuyama. Ins Deutsche übersetzt von Helmut Dierlamm und Thomas Stauder. Es liest Christoph Radakovits.

Kaum eine politikwissenschaftliche These wurde so gründlich missverstanden wie jene des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama: Als er im Sommer 1989 – nur wenige Monate vor dem Fall der Berliner Mauer – in seinem berühmten Essay „Das Ende der Geschichte“ ausrief, meinte er keineswegs, dass es keine Kriege, Konflikte oder historische Schlüsselereignisse mehr geben wird. Fukuyamas Kernthese war rein philosophischer Natur: Die Kombination aus Rechtsstaat, Demokratie und Marktwirtschaft stellt das finale Modell der politischen Ideengeschichte dar, postulierte er. Dass Systeme in der Praxis fehlerhaft sind oder Autokratien fortbestehen, ändert nichts daran: Im globalen Ideenkatalog existiert schlicht keine höhere, funktionierende Alternative mehr. Monarchismus, Faschismus und Kommunismus haben sich historisch als unterlegen erwiesen.Doch warum wankt diese Ordnung heute weltweit? In seinem aktuellen Werk „Der letzte Mensch“ blickt Fukuyama auf das psychologische Vakuum unseres saturierten Zeitalters. Der Schlüssel zum Verständnis des globalen Rechtsrucks liegt für ihn in einem antiken Konzept Platons: dem Thymos – dem tiefen menschlichen Verlangen nach Anerkennung und Würde. Während die liberale Demokratie zwar immensen materiellen Wohlstand schuf, hinterließ sie bei vielen das Gefühl, kulturell und sozial herabgesetzt zu werden. Populistische Bewegungen besetzen dieses Vakuum perfekt: Sie verwandeln ökonomische Verlustängste in Identitätskämpfe und bieten im Tausch für Kränkungen ein kollektives Gefühl von Stolz. Weil das System zwar Sicherheit, aber keine tiefe Sinnstiftung liefert, bricht eine paradoxe Rebellion gegen den Frieden selbst aus. Es ist die von Friedrich Nietzsche prophezeite Flucht vor der Existenz als satter, aber gelangweilter „letzter Mensch“: Der moderne Bürger erschafft sich künstliche Feindbilder und zerstört lieber eine funktionierende Demokratie, als in einem bedeutungslosen Konsumparadies zu leben.

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