Punkt eins Kreuzfahrten: Lange Fahrt zu weniger Dreck
Di, 25.08. | 13:00-13:55 | Ö1
Für den unabhängigen Experten Wolfgang Meyer-Hentrich sind Kreuzfahrtschiffe Monster, wie er in einem Interview mit der „Zeit“ sagte: „Auf modernen Schiffen befinden sich mitunter 6.600 Passagiere und 1.500 Personen Besatzung. Sie sind Erlebnisparks, Rummelplätze und schwimmende Städte geworden, die mit ihren Menschenmassen die Ankunftsorte überschwemmen und zu hässlichen Veränderungen der Umwelt führen."Seine Erfahrungen hat Meyer-Hentrich in seinem Buch "Wahnsinn Kreuzfahrt“ veröffentlicht – das Cover zeigt den Bug eines Ozeanriesen, der sich in die schmalen Altstadtgassen einer pittoresken Hafenstadt hinein zu fräsen scheint.Das Bild erinnert an eine Belagerung. Und belagert mögen sich auch viele Venezianer gefühlt haben, denn jahrzehntelang haben gigantische Kreuzfahrtschiffe nahe am Markusplatz festgemacht – mit all den zweifelhaften Segnungen des Massentourismus im Schlepptau. Bis die Stadtverwaltung Schiffen mit über 25.000 Tonnen oder 180 Metern Länge verbot, im Herzen Venedigs zu ankern und sie in den Industriehafen Marghera verbannte. 37 Millionen Menschen haben 2025 eine Kreuzfahrt gebucht, Tendenz steigend, hat der Naturschutzbund Deutschland (NABU) errechnet. In Österreich entschieden sich laut Österreichischem Reiseverband 2024 113.000 Menschen für eine Hochsee-Kreuzfahrt. Der NABU gibt seit 2013 sein jährliches Kreuzfahrtranking heraus und kommt in der jüngsten Ausgabe zu dem Schluss, dass „die Kreuzfahrtbranche noch eine lange Fahrt vor sich hat, bis Umwelt und Klima nicht mehr so stark belastet werden.“ Fazit der Umweltorganisation nach Auswertung des an die Reedereien verschickten Fragenkataloges: Fortschritte gebe es immerhin bei der Versorgung der Schiffe mit Landstrom während der Hafenliegezeiten und bei der Energieeffizienz. Doch nach wie vor setzten viele Unternehmen auf fossile Energieträger, insbesondere Schweröl und „vermeintliche Übergangslösungen“ wie LNG oder biogene Kraftstoffe. Mächtige Reedereien wie Carnival, Hapag-Lloyd, Aida und MSC tun naturgemäß alles, um die Schattenseiten der Branche kleinzureden und ihre zahlenden Gäste zu individuellen Entdeckern der Weltmeere und der angelaufenen Städte zu verklären. Und das am besten in der Außenkabine mit Balkon, bei voller Verpflegung und Bespaßung durch Boutiquen, Casinos, Spa, Kinos und Auftritten von Bord-Entertainern aller Couleur. Eine Reise-Mixtur, bei der den Gästen bei minutiös geregelter Reiseroute jede Eigenregie abgenommen wird und die sich wachsender Beliebtheit erfreut und der auch die Havarie der Costa Concordia 2012 mit 32 Todesopfern oder das oft prekäre, aber unsichtbare Leben der Besatzung an Bord nichts anhaben kann. Auch die wiederkehrenden Proteste in Dubrovnik oder Venedig gegen den überbordenden Touristenzustrom, der sich regelmäßig von den Ozeanriesen ergießt, dürfte die Mehrheit der Schiffspassagiere kaum an ihrem nächsten Landgang hindern. Zum Beispiel in Barcelona, das 2025 von knapp 850 Kreuzfahrtschiffen angelaufen wurde. Ein ARD-Bericht vom Mai 2026 zitiert einen Aktivisten der katalanischen Umweltplattform „Zeroport“: „Wenn es nach uns ginge, würden wir die Aktivität abschaffen: Das sind Monster, die da am Hafen liegen. Sie verschmutzen die Luft und das Meer, bringen Müll in die Stadt und sorgen für soziale Spannungen."Alexander Musik spricht mit dem Kreuzfahrtexperten Wolfgang Meyer Hentrich und Sören Diesener, Senior-Referent Verkehrspolitik beim Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU), über den boomenden Markt für Meeres- und Flusskreuzfahrten und die ökologischen und sozialen Folgen. Wie immer sind Sie eingeladen, sich an der Sendung zu beteiligen. Kostenlos aus ganz Österreich können Sie uns unter 0800 22 69 79 erreichen; oder Sie schreiben uns ein Mail an punkteins(at)orf.at. Welche Erfahrungen haben Sie auf Kreuzfahrtschiffen gemacht? Verzichten Sie aus ökologischen Gründen auf Kreuzfahrten? Sollten mehr Hafenstädte wie Venedig Kreuzfahrtschiffe aus ihrem Zentrum verbannen oder sollten sich Städte nicht abschotten dürfen? Wie steht es um den ökologischen Fußabdruck von Flusskreuzfahrten, die sich ebenfalls wachsender Beliebtheit erfreuen – wenn die Schiffe nicht gerade wegen Niedrigwasser länger vor Anker liegen müssen?
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