Vorgestellt Lieder von Florence Price und andere US-Träume

Mo, 14.09.  |  11:30-12:00  |  Ö1
Die Sopranistin und Dirigentin Barbara Hannigan fragt mit Gershwin & Co. „An American Dream?“, der Tenor Ted Black und Sasha El Mouissi fächern die Liedkunst der afroamerikanischen Komponistin Florence B. Price in „Hold Fast to Dreams“ auf.

„Ich habe von vornherein zwei Nachteile – das Geschlecht und die Hautfarbe“: Mit ironischem Unterton hielt die Komponistin Florence B. Price (1887-1953) nicht hinterm Berg mit ihren beiden, wie sie im Original schreibt, „handicaps“, als sie sich am 5. Juli 1943 brieflich an Serge Koussevitzky wandte, um ihn als den Chefdirigenten des Boston Symphony Orchestra auf ihr Schaffen aufmerksam zu machen. Prices Hoffnungen waren vergeblich: Koussevitzky, damals übrigens bereits Mentor des jungen Leonard Bernstein und gerade drauf und dran, über seine Stiftung dem schwer erkrankten Immigranten Béla Bartók den Auftrag für dessen Konzert für Orchester zu erteilen, zeigte kein Interesse. „Ich möchte allein nach meinen Verdiensten beurteilt werden“, hatte Price in ihrem Schreiben beteuert, „wobei das große Problem es ist, ob Dirigenten, die nichts von mir kennen, eine meiner Partituren überhaupt anschauen.“ Erst in jüngster Zeit hat sich das Blatt nachhaltig gewendet, Price und ihre zuvor vielfach verschollenen Werke werden im wahrsten Sinne des Wortes international wiederentdeckt – und auch die kontrovers diskutierte Bearbeitung ihres „Rainbow Waltz“, die die Wiener Philharmoniker unter Yannick Nézet-Séguin beim Neujahrskonzert 2026 präsentiert haben, war in „Vorgestellt“ schon Thema. Der Pianist Sascha El Mouissi hat sich vorgenommen, das Liedschaffen der Florence Price in einer CD-Reihe aufzuarbeiten: Die nächste Scheibe ist sogar schon fertig vorbereitet. Den Auftakt aber macht die Sammlung „Hold Fast to Dreams“, aufgenommen mit dem Tenor Ted Black: ein erstaunlicher erster Querschnitt durch Prices in Summe etwa 180 Lieder, deren stilistische Bandbreite deutlich größer ist als bisher bekannt – obwohl die Komponistin zum Teil strenge Auflagen der Verlage erfüllen musste, wollte sie publiziert werden. Und im Album „An American Dream?“ stellt Barbara Hannigan die Frage, ob der amerikanische Traum heute noch wert ist, geträumt zu werden und was an ihm längst zum nostalgischen Klischee erstarrt sein mag. Die Sopranistin und Dirigentin, die übrigens aus Kanada stammt, zieht dafür am Pult der Göteborger Symphoniker das Thema „Fair“ (Jahrmarkt, Volksfest) als Leitmotiv heran. Mit Musik von George Gershwin, Aaron Copland, Richard Rodgers und einer Überraschung zum Finale geht sie in die Vollen – und kratzt zugleich an Fassaden, die ohnehin schon abblättern.

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