die nordstory - Neuwerk - Hamburgs Handvoll Insulaner

Di, 29.04.  |  14:00-15:00  |  NDR
Untertitel/VT Stereo  Kultur
Die Insel Neuwerk liegt 15 Kilometer vor Cuxhaven im Wattenmeer und ist seit dem Mittelalter Vorposten der Freien und Hansestadt Hamburg in der Deutschen Bucht. Die Menschen auf Hamburgs Oase im Watt sorgen sich um die nächste Generation: Es gibt keine Kinder mehr auf Neuwerk. Der Tourismus bestimmt das Wohlergehen der Einheimischen. Doch die Saison ist kurz und die Beschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie bescheren allen Inselfamilien hohe Verluste.

Neuwerk: rund drei Quadratkilometer groß, 15 Kilometer vor Cuxhaven im Wattenmeer gelegen und seit dem Mittelalter Vorposten der Freien und Hansestadt Hamburg in der Deutschen Bucht. Die 30 Einwohner sind also weder Ost- noch Nordfriesen, sondern Hamburgerinnen und Hamburger. Aber: Sind es überhaupt noch 30?

Imme und Werner Flegel jedenfalls verlassen die Insel, ihre drei Kinder sind die einzigen auf Neuwerk, "aber Kinder brauchen Kinder", sagt Imme. Und ob es irgendwann wieder mehr Inselkinder sein werden, steht in den Sternen. Dabei waren die Flegels lange Zeit Hoffnungsträger der jungen Generation: Imme hat es verstanden, als Vogelwartin im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer sesshaft zu werden, ihr Mann Werner, gebürtiger Niedersachse, hat aus dem kleinen Raum neben der Inselschule seinen kleinen und sehr erfolgreichen Laden gemacht, die Neuwerkstatt.

Denn die Insel lebt längst nicht mehr von der Landwirtschaft, sondern vom Tourismus. Rund 100.000 Menschen, vor allem Tages-, aber auch Übernachtungsgäste, werden von den wenigen Insulanern alljährlich versorgt. Ein Saisontourismus, erst im Frühjahr kommen die ersten Gäste. Bis zum Herbst muss der Unterhalt für das ganze Jahr verdient sein.

Wie soll das gehen, wenn die Insel zum Saisonbeginn, coronabedingt, geschlossen wird? Es wird Juni, bis die ersten Hausgäste in die Pension Hus achtern Diek von Alina und Steffan Griebel kommen. Der Verlust von zwei Monaten ist kaum aufzuholen. "Aber versuchen müssen wir es, Kopf in den Sand stecken geht nicht", sagt Steffan. Seit mehr als 150 Jahren gehört die Familie der Griebels zur Insel. Und Neuanfang ist nach Sturmfluten und Weltkriegen eine der Familieneigenschaften der Griebels.

Neuwerks "Inselsprecher" ist Steffans Cousin Christian Griebel. Auch er betreibt mit seiner Frau Svenja ein Hotel, das Nige Hus, und steckt wie die anderen Insulaner im Wettlauf gegen die Zeit: bis im Oktober das letzte Schiff gefahren ist, bis der letzte Gast per Wattwagen die Insel verlassen hat, muss das Geld verdient sein.

Für diese Neuwerker Besonderheit, für die Wattwagen, die Anfahrt vom Festland mit Pferdekutschen bei Niedrigwasser, wird es aber auch immer schwerer: Der zweite Priel innerhalb von 20 Jahren ist so tief geworden, dass er bei Westwind kaum noch durchfahren werden kann. Immer öfter müssen die Neuwerker umkehren.

Trotzdem: An einem warmen Sommerabend halten die Insulaner die Zeit an, stellen Bänke, Getränke, ein Buffet auf die Sandbank draußen und entführen Familie Flegel ins Watt, ein paar Tage bevor die Flegels die Insel verlassen. Es ist, bei allem gebotenen Infektionsabstand, ein spontaner Abend der Inselgemeinschaft: ein Dankeschön für gute Jahre! Neuwerk hält zusammen. Auch wenn niemand weiß, wie es in 20 oder in 30 Jahren weitergeht und ob Neuwerk dann noch Hamburgs Oase im Watt ist.

Autor: Ulrich Patzwahl
Redaktion:
Birgit Schanzen
Arne Siebert Dirk Külper
Produktion: Andy Kaminski

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